Gerade im Sommer, wenn die Temperaturen gerne mal über 30 °C steigen, verfallen viele Onlinemedien in den sogenannten „Sommerloch“-Modus. Das bedeutet nicht viel mehr als das nichts nennenswertes mehr geschrieben wird und stattdessen Belanglosigkeiten zu Top-Themen heraufstilisiert werden. Sei es die Trennung irgendeines Promi-Pärchens, der neuste „Skandal“ oder eine Kontroverse, die vermutlich den gesamten bewohnten Planeten überrollt hat!

Eine solche Kontroverse – ich möchte gar sagen eine skandalöse Skandalösität planetarischen Ausmaßes – haben die Kollegen von Anime2You aufgespürt: Eine Cosplayerin hatte sich auf Twitter dazu geäußert, dass sie findet, dass in der Szene viele „Aufmerksamkeitshuren“ aktiv seien. In mehreren (mittlerweile gelöschten) Tweets äußerste sich die Person, die nicht namentlich genannt werden will, kritisch über die deutschen Community.

Es sei Trend geworden, dass man sich selbst massiv vermarkte und der eigentliche Geist des Hobbys in den Hintergrund rutscht. Neben viel nackter Haut sind viele Cosplayer mittlerweile dazu übergegangen aus ihrem Hobby Geld zu generieren. Sei es auf Patreon, Kickstarter oder mit eigenen kleinen Shops, in denen Poster und Bilder über den digitalen Tresen gehen. Und wenn man nackte Haut zeige, dann sei man für zweifelhafte Aussagen und „Angebote“ selbst mitverantwortlich.

Ihre Worte verhallten auf Twitter natürlich nicht einfach so, immerhin sind wir eine Community…

Was dann geschah war unglaublich!

Unglaublich vorhersehbar und unendlich langweilig.

Natürlich hatte die besagte Dame damit einen mehr oder weniger wunden Punkt getroffen. Dass sie selbst am allerwenigsten mit diesem Echo gerechnet hatte, konnte man auch gut daran erkennen, dass die Tweets mittlerweile gelöscht sind und sie bei den Kollegen von Anime2You um Schutz ihrer Anonymität gebeten hat. Ich werde mir jetzt auch nicht die Mühe machen & herausfinden, wer die Person war – es spielt letztendlich für diesen Artikel auch keine Rolle.

Neben Zustimmung gab es auch sehr viel „Tweef“ (Twitter + Beef) von Cosplayern, die sich irgendwie angegriffen fühlten und in die Offensive gingen. Das Wort Victim Blaming soll ebenfalls gefallen sein!

Wer mit dem Wort nicht viel anfangen kann:

Victim blaming oder blaming the victim (dt. Opferbeschuldigung, auch „Täter-Opfer-Umkehr“) ist die Beschreibung für ein Vorgehen, das die Schuld für eine Straftat beim Opfer sucht. (Danke Wikipedia!)

In diesem Falle bezieht es sich darauf, dass nackte Haut oftmals sexistische Kommentare und manchmal auch Grapschen fördert und man als Opfer quasi selbst Schuld sei, denn immerhin hat man es darauf angelegt. Nun ja, kann jeder für sich selbst entscheiden, wie er das sieht – doch widmen wir uns mal wieder dem eigentlichen Thema: Aufmerksamkeit, Selbstvermarktung und Fame bei Cosplayern.

Subjektiv betrachtet – ich bin jetzt seit knapp 3 Jahren recht eng mit der Szene in Kontakt – würde ich zustimmen, dass ein Trend zu erkennen ist, bei dem ebendiese Faktoren stark in den Vordergrund rücken. Viele Cosplayer, egal wie bekannt, betreiben eigene Fanservice-Angebote und refinanzieren diese mit kleineren Spenden. Die Fans freut es, so haben sie doch die Gelegenheit sich Prints oder Poster ihrer Idole zu sichern. Die Cosplayer freut es auch, denn sie haben das Gefühl dass sich jemand für sie interessiert. Win-Win, würde ich sagen!

Doch ist dies der Sinn von Cosplay?

Das muss sich ja relativ einfach beantworten lassen, schauen wir doch noch mal bei Wikipedia vorbei:

Cosplay (japanisch コスプレ, kosupure) ist ein japanischer Verkleidungstrend, der in den 1990er Jahren mit dem Manga- und Animeboom auch in die USA und nach Europa kam. Beim Cosplay stellt der Teilnehmer eine Figur – aus Manga, Anime, Comic, Film oder Computerspiel – durch Kostüm und Verhalten möglichst originalgetreu dar.

Tja. Das ist ja jetzt irgendwie doof. Per Definition fallen fast alle Cosplayer gar nicht unter Cosplay, denn ein Bestandteil fehlt nahezu immer: Das Verhalten des Charakters nachzustellen! Und selbst erstellte Charaktere passen leider auch nicht in die Definition. Take this!

Die Definition des reinen Cosplayens wird, bereits seitdem dies hier praktiziert wird, immer wieder verändert, aufgeweicht und neu erfunden. Jeder Cosplayer entscheidet für sich, für sein eigenes Hobby, wie er damit umgeht und welche Dinge er bereit ist dafür zu tun.

Poster verkaufen? Niedliche Videos aufnehmen? Sexy Aufnahmen? Wer sich dafür entscheidet, der kann diesen Weg gehen – ganz gleich was andere Menschen dazu sagen. Selbstbewusstsein ist das Zauberwort & hilft auch inner- sowie außerhalb der Cosplayszene massiv weiter!

Schlussendlich meldete sich mit JenNyan auch eine der deutschen Szenegrößen zu Wort und veröffentlichte auf Twitter ein längeres Statement, welches allerdings mit Vorsicht zu genießen ist. Man darf nie vergessen, dass sich „berühmte“ Menschen selbst ins Knie schießen würden, wenn sie ihre eigene Lebensweise verteufeln – natürlich war hier Positivity zu erwarten, das tut der grundsätzlichen Äußerung allerdings keinen Abbruch. Im Kern hat JenNyan nämlich Recht und dies deckt sich mit dem, was ich oben schon schrieb: Mach Dein Ding – unabhängig davon was andere darüber denken oder sagen.

Aber …

Dennoch möchte ich auch ein paar kritische Worte finden, denn dies hier soll keine reine Kopie des Beitrags von Anime2You werden.

Ich kenne die Motivation der unbekannten Cosplayerin auf Twitter nicht, allerdings finde ich, dass man zu seinem Wort stehen sollte. Das es ein massives Echo geben würde, davon war wohl auszugehen. Ehrlich, Twitter + „Angriff“ auf die Cosplayszene = Echo – das muss jedem innerhalb weniger Sekunden klar werden. Umso trauriger finde ich es, wenn man sich dann „versteckt“ und seine Meinung durch Löschen ungeschehen zu machen versucht. Ja, in Ausnahmesituationen ist dies kein Problem, aber bei einfachen „Meinungen“ erscheint mir diese Methode feige. Zumal diese Meinung jetzt nicht mal so selten ist und einige Cosplayer sie sogar teilen.

Die Cosplayerin hat mit ihrem Statement vollkommen recht.
Heutzutage rutschen diese geldgeilen Tussen immer mehr in den Vordergrund, während Cosplayer mit Talent einfach untergehen!
– Name der Redaktion bekannt.

Wenn man mit dem Gegenwind nicht leben kann, sollte man sich überlegen, ob man die Dinge so sagt, wie man sie sagt. Glaubt mir, damit habe ich schon mehrfach und ausdauernd Erfahrung machen dürfen 😉

Es war schon immer so (und vermutlich wird sich dies zu Menschengedenken nicht mehr ändern), dass Menschen, die dem allgemeinen Schönheitsideal entsprechen, es einfacher im Leben haben. Nicht immer, nicht überall – aber im Großen und Ganzen ist „attraktiv sein“ ein Vorteil. Wer hat während der Schulzeit nicht die hübsche junge Schülerin in der ersten Reihe verabscheut, die stets mit allem durchkam, weil sie attraktiv war? Die, die stets freie Sitzplatzwahl hatte, weil jeder bei ihr sein wollte …

Ich mag sexy Cosplays, wenn es denn zum Charakter passt. Es kann auch jeder machen wie er will. Aber ich wäre mir zu schade mich auf die Art zu verkaufen.
– Name ebenfalls der Redaktion bekannt.

Kommt man mit nackter Haut also weiter als ohne? Ich behaupte: Ja!
Über den Daumen gepeilt (und somit rein subjektiv) würde ich behaupten, dass viele Fans von meist weiblichen Cosplayern männlichen Geschlechts sind. Lassen Männer sich durch Brüste, Dessous und Co beeindrucken? Ja! Das ist sogar fast wissenschaftlich bewiesen, wie die Kollegen von goFeminin wissen.

Somit hat es jemand tendenziell einfacher, der mit seinen sexuellen Reizen spielt. Dies gilt natürlich nicht nur für Frauen sondern ebenfalls auch für Männer – nur sind diese in der Szene leider nicht so massiv vertreten. Um die selbe Reichweite, den selben Fame und die gleiche Bestätigung zu erhalten, wie jemand, der sich einfach kurz „auszieht“*, muss eine Cosplayerin, die gerne craftet, viele coole und epische Rüstungen herstellen.

*) Vorausgesetzt man entspricht dem Geschmack der Masse, der sich ja auch alle paar Jahre mal ändert …

Aber sind wir ehrlich: Das ist jetzt keine wirkliche Neuheit, das wussten wir doch alle. Sex sells! Warum regen wir uns also jetzt darüber auf? Wenn, dann höchstens aus Neid … und weil wir uns unfair behandelt fühlen. Und weil sowieso alles ungerecht ist.

Nun, so ist es … dieses Leben.
Lasst die Leute machen was ihnen Spaß macht und worin sie gut sind oder dies denken. Erfreut euch daran, wenn jemand voll und ganz in einer Sache aufgeht – ganz gleich ob es C#-Programmierung, Segeln oder eben Cosplayen mit Vermarktung auf Patreon und Co ist. Lasst euch anstecken von der Freude & findet euer eigenes „Ding“, bei dem ihr euch austoben könnt!

Da war noch was!

An die Cosplayer, die sich selbst vermarkten und Spenden beziehungsweise Einnahmen generieren: Ihr denkt aber schon an das liebe Finanz- und an das Gewerbeamt, gell?

Vielleicht behandeln wir dieses Thema in einem der nächsten Artikel.
Denn hier gibt es wirklich Nachholbedarf!

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Früher wollte ich irgendwas mit Menschen machen, dann habe ich Computer & das Internet für mich entdeckt. Seitdem lebe ich im Cyberspace.

1 Kommentar

  1. Ich denke in dem Artikel wurde eine Meinung aufgegriffen, die jeder, der ein Hobby, hat nachvollziehen kann: Mach worauf du Bock hast, das ist DEIN Hobby. Aber auch für die Leute die Aufmerksamkeit generieren wollen, sei’s Hobby oder Beruf: Mach was die breite Masse sehen will. – Und mal ehrlich: Es liegt in der Natur des Menschens sich auch mal Loben lassen zu wollen, Zuspruchh und Aufmerksamkeit zu bekommen – denn immer dann, wenn das passiert sagt unser Gehirn „Du hast etwas richtig gemacht! Weiter so.“ und das ist gut so! So entsteht ein Lernprozess! Aber es kann auch schön in die falsche Richtung abtrifften, siehe Shitstorms bzw. allgemein Gruppendynamiken wo man sich gegenseitig hoch puscht – egal ob das nun ethisch, moralisch oder juristisch richtig ist oder nicht. So muss jeder auf sich selbst aufpassen, damit er für sich und vor der Justiz (bzw. zum wohle der Gruppe) die richtige Entscheidung trifft – und das ist hart, sehr hart! So muss man sich teilweise gegen die Strömung und gegen Leute richten die man eigentlich mag. Das erfordert Mut, Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein, aber man kann sich damit auch ins Auß manöfrieren… Schwierige Sache.
    – Am Ende des Lebens ist man allerdings allein mit sich selbst und wird sich die Frage stellen müssen „Habe ICH so gelebt wie ICH es wollte und für richtig empfinde?“

    Btw. so einen Artikel* fände ich echt toll. Worauf muss man achten, was kann man falsch machen, wo finde ich Hilfe? Ich habe nämlich auch das Gefühl darum kümmert sich kaum jemand.

    * Finanz- und an das Gewerbeamt

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