Aktueller Stand: 15.06.2017, 15:36 Uhr:
Die Veröffentlichung des Buches wurde zurückgezogen, das Buch ist nicht länger erhältlich und ein Statement des Autors ist verfügbar

Wer in den letzten Stunden nicht geschlafen oder sich nach dem Aufstehen mit den sozialen Medien auseinander gesetzt hat, der wird gesehen haben, dass ein Thema aktuell viral geht: Die Rede ist von einem Fotobuch des Autoren Will Hofmann, der in dem 80 Seiten starken Fotoband verschiedene Einblicke in die Leipziger Buchmesse liefert.

Soweit – so gut. Doch leider gibt es da einen kleinen Haken an der Sache: Der Autor hat nicht von allen Personen die entsprechenden Bildrechte eingeholt & begibt sich hiermit in Teufels Küche.

Es beginnt …

Wie genau es dazu kam, dass das Buch, welches bereits im Januar erschienen ist, jetzt die multimediale Aufmerksamkeit erreichte, das ist bis dato unklar. Womöglich wurde es irgendeinem Cosplayer auf Amazon vorgeschlagen und ging danach viral – denn der Autor hat bewusst zur Buchmesse 2017 einen kleinen Rabatt eingeführt, sodass das Buch billiger zu erwerben wäre, wenn man es denn kaufen wollen würde.

Doch damit hatte Herr Hofmann sicherlich nicht gerechnet: Ein Shitstorm biblischen Ausmaßes kündigte sich an & die ersten Wellen schwappen bereits ins gelobte Land. Die Cosplayer sind verärgert, traurig, verzweifelt – denn oftmals wurden Fotos von ihnen in dem Buch abgedruckt, ohne dass eine Erlaubnis vorlag. Leider sind die Fotos dann qualitativ nicht mal so gut, dass man es irgendwie ignorieren könnte, sondern zeigen die Personen in Posen, die schmeichelnd als „unvorteilhaft“ umschrieben werden könnten. Essend, trinkend, sich über die Hitze beschwerend – nicht unbedingt die Art von Bildern, die man in einem Buch haben möchte. Nachvollziehbar!

Das umstrittene Fotobuch auf Amazon / Verlag: Wiebers Verlag
Das umstrittene Fotobuch auf Amazon / Verlag: Wiebers Verlag

Die Bilder kann man übrigens auch direkt online einsehen: Hier

Nicht der richtige Weg – oder?

Wenngleich ich auch voll dahinter stehe, dass ein Fragen nicht zu viel verlangt ist und der Qualität des Buches sicherlich keinen Abbruch getan hätte, so muss ich dennoch klar Position beziehen: Der aktuelle Weg der Problemlösung erscheint mir völlig falsch. Hetzende Kommentare gegen den Autoren, Bewertungen auf Amazon – die mit dem Produkt als solches nichts zu tun haben – und viele Menschen, die sich zwischen dem ersten Kaffee und Mittagessen so sehr aufregen, dass der schöne Donnerstag eigentlich hinüber ist.

Ja, es ist richtig, dass man sich über die unerlaubte Verwendung echauffiert – denn zum guten Ton gehört das sicherlich nicht. Aber man sollte hier sachlich bleiben und seine Emotionen, so sehr sie auch gerechtfertigt seien, im Zaum halten. Leider musste ich feststellen, dass dies vielen Kommentatoren schwer zu fallen scheint.

Was will der Autor?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten, ich selbst habe mit dem Autor nicht gesprochen und scheue in der aktuellen Situation den Kontakt – der gute Mann wird, wenn das so weiter geht, die nächsten Tage genug Zeit damit verbringen müssen die Wogen zu glätten und sich womöglich sogar juristisch zu verteidigen. Da wäre eine Anfrage meinerseits unangebracht und im Groben auch nicht hilfreich.

Nehmen wir also die Informationen, die wir aktuell haben und versuchen uns damit ein Bild zu machen:

Der Autor, ein gelehrter Mann und Allgemeinmediziner, scheint – wie in dem Einband des Buches beschrieben – Gefallen an der Cosplayszene gefunden zu haben. „Cosplay – eine unschätzbare Bereicherung für die Leipziger Buchmesse!“ steht dort und zeigt, meiner Meinung nach deutlich, dass hier jemand mit Spaß & Freude an unser Hobby herangeht. Dies entschuldigt zu keiner Zeit, dass nicht gefragt wurde & viele Bilder einfach nur Schnappschüsse sind – aber es sollte aufzeigen, dass der Autor unsere Szene genauso sehr liebt, wie wir es tun – und ein offener Dialog hier eine Art der Kommunikation wäre, die beiden Seiten gerecht wird.

Klappentext des Buches "Cosplay Leipzig 2016: Fantasie aus Stoff"
Klappentext des Buches „Cosplay Leipzig 2016: Fantasie aus Stoff“

Der Klappentext ist in gewisser Weise ironisch, wie schon eine Kommentatorin auf Facebook festgestellt hat: Wie soll man die Bilder sehen, wenn man das Buch gar nicht hat? Hmm …

Wenngleich auf Facebook auch viele kommerzielle Absichten unterstellt wurden, so sehe ich dies aktuell anders. Die Druckkosten auf Amazon scheinen mir im normalen Bereich, der Gewinn pro Buch dürfte – wenn überhaupt vorhanden – verschwindend gering sein. Reich werden möchte der Autor sicherlich nicht – dies würde auch nicht zu den Büchern passen, die er ansonsten veröffentlicht hat. Nehmen wir also für einen Moment einmal an, dass der Autor hier lediglich seine Faszination zu unserem Hobby teilen möchte – dann erscheint die ganze Aktion weniger dramatisch als zuvor.

Sicherlich, die Sache mit den unerlaubt verwendeten Bildern steht immer noch im Raum …

Recht am eigenen Bild

Die halbe Nacht und Teile des Morgens habe ich damit verbracht herauszufinden, wie dies mit dem Recht am eigenen Bild eigentlich ist. Ich möchte euch an meinen Recherchen teilhaben lassen, denn ich denke, dass es wichtig ist, dass man auf eine Ebene findet, die sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzt.  (So wie z.B. unsere Kollegen von Lansyn)

Das Recht am eigenen Bild in Deutschland ist ein Unterfall des durch Art. 2 Abs 1 in Verbindung mit Art. 1 GG geschützten Rechts auf informationelle Selbstbestimmung. Es gibt dem Abgebildeten die Befugnis, über die Verwendung des Bildes zu bestimmen, einschließlich des Rechts, einer Veröffentlichung zu widersprechen. (Wikipedia)

Somit eigentlich eine klare Sache: Wer fotografiert wird, der muss vorher um Erlaubnis gebeten werden. Tja, wenn es doch nur so einfach wäre – stattdessen hat der Gesetzgeber noch ein paar Ausnahmen erlassen, die die Sache nur bedingt vereinfachen. So ist die Kunstfreiheit in Deutschland ebenfalls ein hohes Gut und kollidiert daher häufiger mit dem Recht am eigenen Bild. So besagt das Kunst-Urheber-Gesetz in Paragraph 23 unter anderem:

Ohne die nach § 22 erforderliche Einwilligung dürfen verbreitet und zur Schau gestellt werden:
1. Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte;
2. Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen;
3. Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben;
4. Bildnisse, die nicht auf Bestellung angefertigt sind, sofern die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient.

Und hier beginnt jetzt leider der Fall, in dem man sich später dann vor Gericht streiten würde, denn es ist Auslegungssache, ab wann etwas unter Zeitgeschichte fällt oder der Verbreitung oder Schaustellung eines höheren Interesses der Kunst dienlich ist. Gerade letzteres halte ich für einen Punkt, den man breit diskutieren könnte.

Die Regeln der Buchmesse

Interessanterweise bin ich während meinen Recherchen auch mehrfach über die Hausordnung der Buchmesse gestoßen, welche eine generelle Vollmacht für alle fotografischen Handlungen aufzeigt. So steht in der Hausordnung:

Recht am eigenen Bild
Bei den Veranstaltungen auf dem Messegelände werden üblicherweise Film-, Fernseh- und Fotoaufnahmen gemacht. Jeder Besucher oder jede sonstige Person erklärt, soweit gegenüber dem Fotografen nicht ausdrücklich abweichend erklärt, mit der Teilnahme an der Veranstaltung das Einverständnis, dass Aufnahmen von ihm/ihr veröffentlicht werden dürfen. (Quelle)

Die Seite RechtAmBild.de beschreibt, dass die Generalvollmacht per AGB für Eventfotografie ungültig sei. Gleichzeitig wird dargelegt, dass Fotografien gestattet sind, wenn davon auszugehen ist, dass welche gemacht werden. Ja Potzblitz, wie soll man als Laie da durchblicken?!

Wir müssen somit festhalten: So ganz klar ist nicht, ob die Verwendung der Bilder jetzt juristisch ein Tatbestand ist oder einfach nur moralisch und geschmacklich verwerflich.

Fotografen & Cosplay – immer schwierig

Das Problem der Nicht-Einwilligung scheint mir persönlich auch wesentlich tiefer verankert als zunächst angenommen. Innerhalb der Cosplayszene ist klar, dass vor dem Knipsen gefragt wird – außerhalb der Szene wird dies nur unregelmäßig kommuniziert. Auch wenn es für die meisten Menschen womöglich zum guten Ton gehört, dass man vor dem Fotografieren fragt, so mag dies nicht für alle völlig verständlich sein. Ich denke hierbei z.B. an Straßenkünstler in Touristenvierteln – hier würde, spontan geschätzt, auch niemand um Erlaubnis fragen, weil man davon ausgeht, dass die Personen es „bewusst“ darauf anlegen fotografiert zu werden.

Das mag für einige Cosplayer ebenfalls zutreffen, nicht aber für alle – und das ist der springende Punkt. Aus meiner Sicht benötigt es auch hier noch wesentlich mehr Aufklärung durch die Veranstalter – manchmal ist den Menschen nicht mal klar, dass die Cosplayer privat vor Ort sind & nicht etwa von Seiten der Messe eingeladen wurden! Plakate an den Eingängen, explizite Hinweise in den Pressebereichen – so etwas würde ich mir langfristig wünschen.

Ein Hinweis für den Umgang auf der Luxcon
Ein Hinweis für den Umgang auf der Luxcon

Plakete wie oben abgebildet wurden auf der Luxcon aufgehängt, um vor allem über das leidige Thema der Belästigungen zu sensibilisieren. Warum gibt es solche Hinweise nicht auch explizit für den Bereich der Fotografie?

Was ich anraten möchte

Zuerst einmal sollte man Ruhe bewahren. Das Buch ist seit über einem halben Jahr erhältlich, sodass Schnellschussaktionen jetzt auch keinen Nutzen mehr haben. Darüberhinaus erscheint die Qualität des Buches so fragwürdig, dass nicht davon auszugehen ist, dass hier ein großer Absatzmarkt bedient wird. Somit ist eine überlegte und ruhige Vorgehensweise sicherlich klüger als die Beteiligung an Hasspostings und Shitstorms.

Wer sich in seiner persönlichen Freiheit durch etwaige Bilder eingeschränkt fühlt (die Bilder sind auf Flickr einsehbar, sodass ihr dies prüfen könnt), der sollte sich direkt an den Autor bzw. den Verlag wenden (info@wiebers-verlag.de) und um Löschung oder Korrektur bitten. Auch hier würde ich sachlich bleiben, darlegen, dass die eigenen Rechte verletzt wurden & freundlich (!) um Maßnahmen bitten. Direkt mit einem Anwalt zu drohen erscheint mir zwar sehr deutsch, aber wenig hilfreich. Ebenso wenig wie private Postings an den Autoren, schlechte Bewertungen auf Amazon (das bringt einfach gar nichts) oder Hasstiraden in anderen Teilen des Internets.

Sollte wider erwarten dies keine Lösung des Problems darstellen, dann kann man sich immer noch rechtlichen Beistand suchen. Bitte macht euch klar, dass hierfür Gebühren anfallen, die zumindest anfänglich von euch zu tragen sind.

Informiert bitte auch eure Cosplaykollegen und Freunde über die Verwendung der Bilder, damit auch diese hier entsprechende Maßnahmen ergreifen können, sofern notwendig.

Die Idee an sich …

… finde ich übrigens ausgezeichnet!

Ein Buch aus dem Herzen der Community, gespickt mit Texten und Bildern von Cosplayern – das wäre ein richtiger Traum. Wenn dann auch noch alle Beteiligten vorab gefragt würden & die Qualität der Bilder stimmt, dann könnte ich mir vorstellen, dass dieses Buch bei einigen Menschen ein neues Zuhause finden könnte.

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