Heute hat es mich in für mich ganz neue Gefilde verschlagen, nämlich auf die Veggienale – die Messe für vegane Lebenskultur. Auch wenn ich bereits befürchtet hatte, dass ich mit meiner Lebenseinstellung dort fehl am Platz sei, so wurde dies doch noch einmal umfänglich bestätigt.

Direkt der erste Eindruck bestätigte alle Vorurteile, die man gerne mal über „grün-linksversiffte-vegane“-Gutmenschen hört und liest: Mir kam eine junge Dame mit Rastazöpfen, Bio Soja-Latte, „Refugees welcome!“-Tragetasche und Jutekleidung entgegen – die dann auch prompt bei Rot die Fußgängerampel überquerte. Wow, noch nicht einmal auf dem Messegelände und direkt mit dem (durch Medien vermeintlich bekanntem) Prototyp der veganen und ökologischen Lebenskultur konfrontiert – läuft.

 

Um es direkt zu entschärfen: Mir ist die Lebenseinstellung anderer Menschen ziemlich egal, jeder soll machen, was er für richtig und sinnvoll erachtet. Ich selbst lebe nicht vegan und bin auch kein Vegetarier. Viel eher propagiere ich die sinnvolle Nutzung lokaler Ressourcen und eines ausgewogenen Lebensstils. Fleisch darf gerne von dem Bauernhof wenige Kilometer vor der Stadt kommen, Eier dürfen auch aus Freilandhaltung stammen und meine Schokolade schmeckt gleich viel besser, wenn alle Inhaltsstoffe fair gehandelt wurden. Nichtsdestotrotz kaufe ich dennoch regelmäßig im Discounter ein – es muss ein Gleichgewicht zwischen bezahlbar und sinnvoll geben. Alles auf Biegen und Brechen auf „fair“ zu trimmen funktioniert im Rahmen eines normalen Lebens nahezu nicht. Zumindest behaupte ich das jetzt.

Und das ist auch schon der erste Kritikpunkt, den ich der Messe – leider – vorwerfen muss. Wie bei allen Messen geht es im Großen und Ganzen um Geld, nicht um das Vermitteln von besseren Arten zu leben. Dabei wurde die Zielgruppe der Veganer und Vegetarier bewusst als solche definiert. Wem sonst könnte man 3,20 Euro für einen „frischen“ Pfefferminz und Ingwer-Tee abnehmen? Dabei stammen die Rohstoffe nicht aus dem heimischen Gewächshaus sondern von Kaufland …

Zielgruppe: Frauen mit alternativem Lebensstil

Aus diesem Grunde ziehe ich Messen und Events vor, auf denen kleine Familienbetriebe ihre Produkte vertreiben: Denn dort unterstützt man tatsächlich jemanden und kauft nicht nur fürs „gute Gefühl“ ein. Mir ist jedes Familienunternehmen lieber als irgendwelche Firmen wie Lavera und Co, die hier in erster Linie eine spezielle Zielgruppe erschließen.

Der Lavera Stand hat eine klare Zielgruppe
Der Lavera Stand hat eine klare Zielgruppe

Hach, Lavera … ihr seid mit heute tatsächlich ein Dorn im Auge gewesen, obwohl ich eure Spülung und eure Hygieneprodukte eigentlich schätze. Als Mann habe ich mich an dem Stand in keiner Weise auch nur im Ansatz repräsentiert gefühlt. Und das muss ich tatsächlich kritisieren, wenngleich ich auch nicht einer dieser überkorrekten Gender*innen bin, die da viel Wert drauf legen – aber der Stand zeigte eindrucksvoll, was die Veggienale ist: Eine Verkaufsmesse für Menschen, die angeblich einen besonders „gesunden“ Lebensstil pflegen (wollen) und denen deshalb das Geld ein bisschen leichter sitzt. Und wenn diese Personen dann auch noch Frauen sind umso besser!

Wenigstens ein Stand hat sich klar und selbstironisch präsentiert, mit dem wunderbaren „Hipster“-Burger zum schnellen Verzehr:

Der Hipster-Burger im american style
Der Hipster-Burger im american style

Dass man es auf Frauen abgesehen hat, ließ sich auch ganz hervorragend am Stand von LichtBlick feststellen. Ich bin immer noch baff, wie man sich und sein Unternehmen in solch einer massiven Form unseriös, aufdringlich und unfreundlich darstellen kann. Der gute Herr, der uns wegen einem Wechsel zu dem „besten Öko-Stromanbieter“ ansprach, gehört zu der Sorte Vertriebsmenschen, bei denen ich dann am Telefon irgendwann auflege.

Öko-Strom rettet die Welt

Nachdem er meiner Begleitung und mir erst einmal dargelegt hatte, wie viel Energie Standby-Geräte verbrauchen und das es auch den sogenannten „Standstrom“ gäbe – was, zumindest nach meiner Recherche, Quatsch ist, da es das gleiche meint (Quelle) – wollte er uns auf wirklich unangenehme Art dazu überreden unseren Stromvertrag zu wechseln. Immerhin würde Lichtblick pro Kunde diverse Regenwaldflächen retten und in Afrika alte Öfen gegen energiesparendere Modelle austauschen. Toll!

Am besten sollten wir doch direkt vor Ort das Auftragsformular ausfüllen – denn ein Auftrag sei, wie er uns belehrte, ja kein Vertrag. (Ne, klar …) Außerdem kann man jederzeit kündigen. (Das stimmt sogar!)

Lichtblick Strom Ver... eh ... Antrag
Lichtblick Strom Ver… eh … Auftrag

Er würde nur schnell unsere Daten aufnehmen, uns unterschreiben lassen und dann müssten wir ihm nur noch mal eben per SMS, E-Mail oder Whatsapp die Zählernummer zukommen lassen – fertig wäre der Wechsel. Dabei hat er das Gespräch die ganze Zeit an meine weibliche Begleitung gerichtet, in der Vermutung, dass wir einen gemeinsamen Haushalt hätten.

Meine Einrede, dass ich mir nicht vorstellen könne, dass viele Leute auf einer Messe ihren Stromanbieter wechseln, wischte er vom Tisch, in dem er mir eine Mappe mit den Verträgen (eh, sorry, Aufträgen!) anderer Kunden zeigte. Hach, Datenschutz – wer braucht das schon, wenn er Regenwälder retten kann?

Hatte ich erwähnt, dass wir nun noch schnell unsere Daten abgeben müssten, um die Umwelt zu retten? Und wenn nicht, ist auch nicht schlimm, dann zerreißt er einfach das Formular und alles wird gut.

Da mir so etwas sehr dubios und unseriös vorkommt, egal welches Unternehmen sich so präsentiert, habe ich ihm mitgeteilt, dass ich meine Daten nicht herausgebe, ohne mich ausführlich vorab informiert zu haben. Und erst recht werde ich auf einer Messe keine dubiosen Aufträge unterschreiben!

Das irritierte ihn wohl, weshalb er patzig entgegnete, dass, wenn ich meine Daten bei sowas nicht herausgebe, niemals Kunde werden würde. Daraufhin war das Gespräch dann auch beendet – und wirklich traurig bin ich darüber jetzt nicht.


Ok, dann halt nicht
Was für eine außergewöhnlich unseriöse, aufdringliche und wirklich eklige Masche um einen Vertrag abzuschließen! Egal wie toll der Strom bei euch auch ist, liebes Team von LichtBlick, mit diesem Auftritt habt ihr euch auf die nächsten Jahre disqualifiziert.

Fazit

Eine gesunde Lebensweise ist nicht zu verurteilen, die Kommerzialisierung selbiger sehe ich allerdings kritisch. Die Veggienale mag vom Grundgedanken her eine nette Sache sein und bietet sich an, wenn man sich für die Vorträge und Präsentationen begeistern kann. Wenn man allerdings eine faire und naturverbundene Lebensweise sucht, ist man vermutlich auf jedem Mittelaltermarkt besser aufgehoben … und unterstützt nebenbei noch Familienbetriebe.

Teilen
Vorheriger ArtikelCosplay und die Professionalität
Nächster ArtikelMit dem Auto nach Paris
Früher wollte ich irgendwas mit Menschen machen, dann habe ich Computer & das Internet für mich entdeckt. Seitdem lebe ich im Cyberspace.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here